Alkoholtest oder Früherkennungstest

Einen 20 Sekunden langen Gleichgewichtstest zur geistigen Gesundheit haben Medien angepriesen. Der Hirnscanner hätte die verantwortlichen Autoren lieber zum Alkoholtest geschickt. Ansonsten freut er sich über die Widerlegung von Neuro-​Mythen.

Veröffentlicht: 12.01.2015

Zugegeben, da war der Hirnscanner vielleicht doch ein wenig naiv: Insgeheim hatte er nämlich gehofft, so mancher Journalist hätte sich als guten Vorsatz für das neue Jahr vorgenommen, die Qualität der Berichterstattung über das Gehirn auf ein erträgliches Niveau zu hieven. Doch der Hirnscanner wurde größtenteils enttäuscht.

Gleich zu Beginn des Jahres wollte er bei Focus Online seinen Augen und Ohren kaum trauen. In einem Video balancierten zwei Personen auf einem Bein. Handelte es sich um einen Alkoholtest für die verantwortlichen Journalisten, die möglicherweise zu lange und mit zu viel Alkohol die Jahreswende begangen hatten? Sinn gemacht hätte es aus der Sicht des Hirnscanners – konnte doch der Beitrag aus seiner Sicht nur durch eine gehörige Menge Restalkohol erklärt werden: „Dieser 20-​Sekunden-​Test deckt die Gesundheit Ihres Gehirns auf“, hieß es bei Focus Online. Und der kurze Beitrag legt vollmundig nach: „So einfach war die Früherkennung für einen drohenden Schlaganfall noch nie.“

Auge

Augapfel/Bulbus oculi/eye bulb

Das Auge ist das Sinnesorgan zur Wahrnehmung von Lichtreizen – von elektromagnetischer Strahlung eines bestimmten Frequenzbereiches. Das für den Menschen sichtbare Licht liegt im Bereich zwischen 380 und 780 Nanometer.

Schlaganfall

Schlaganfall/Apoplexia cerebri/stroke

Bei einem Schlaganfall werden das Gehirn oder Teile davon zeitweilig nicht mehr richtig mit Blut versorgt. Dadurch kommt es zu einer Unterversorgung mit Sauerstoff und dem Energieträger Glukose. Häufigster Auslöser des Schlafanfalls ist eine Verengung der Arterien. Zu den häufigsten Symptomen zählen plötzliche Sehstörungen, Schwindel sowie Lähmungserscheinungen. Als Langzeitfolgen können verschiedene Arten von Gefühls– und Bewegungsstörungen auftreten. In Deutschland ging 2006 jeder dritte Todesfall auf einen Schlaganfall zurück.

Unzuverlässiger Test: Fehldiagnosen wahrscheinlich

Wer diese leichte Balance-​Übung nicht 20 Sekunden lang schaffe, so der Kommentar im Video, der habe ein erhöhtes Schlaganfall-​Risiko. Sein Gehirn weise unter Umständen Mikroblutungen oder Infarkte im Gehirn auf. Das hätten japanische Wissenschaftler bei ihren Probanden festgestellt. Wer beim Stehen auf einem Bein Schwierigkeiten hat, solle sich auf jeden Fall untersuchen lassen, zitiert Focus Online einen der Forscher.

Mit weiteren Informationen geizt focus​.de. Nach einigen Recherchen stieß der Hirnscanner auf eine englischsprachige Pressemitteilung und die Zusammenfassung der Studie. Die Forscher hatten mehr als 1300 ältere Menschen aus der allgemeinen Bevölkerung auf einem Bein balancieren lassen und sie auch mit Magnetresonanztomografie untersucht. Tatsächlich hatten eher jene Versuchspersonen Probleme mit dem Balanceakt, bei denen die Hirnaufnahmen (mehr) Hirninfarkte oder Mikroblutungen offenbarten – auch ohne dass klinische Symptome wie Lähmungen oder Kopfschmerzen erkennbar waren. Die Infarkte und Mikroblutungen gelten als potentielle Risikofaktoren für einen Schlaganfall und eine Abnahme der geistigen Fertigkeiten.

Aus diesem sehr groben und auch unzuverlässigen Test einen Früherkennungstest zu machen, mit dem „jeder ganz einfach überprüfen kann, wie gesund sein Gehirn ist“, wie es focus​.de getan hat, hält der Hirnscanner für äußerst bedenklich. Denn: In der Studie scheiterte nur ein Teil mit einem auffälligen Hirnscan an der Aufgabe; umgekehrt fielen auch manche Probanden ohne auffälligen Hirnscan bei dem Test durch. Experten sprechen in solchen Fällen von falsch-​positiven beziehungsweise falsch-​negativen Test-​Ergebnissen. Die Balance-​Übung als Test allzu ernst zu nehmen und ohne ärztliche Beratung selbst durchzuführen, könnte also zu Fehldiagnosen führen und so zu einer fälschlichen Entwarnung oder einer unnötigen Beunruhigung sorgen.

Magnetresonanztomographie

Magnetresonanztomographie/-/magnetic resonance imaging

Ein bildgebendes Verfahren, das Mediziner zur Diagnose von Fehlbildungen in unterschiedlichen Geweben oder Organen des Körpers einsetzen. Die Methode wird umgangssprachlich auch Kernspin genannt. Sie beruht darauf, dass die Kerne mancher Atome einen Eigendrehimpuls besitzen, der im Magnetfeld seine Richtung ändern kann. Diese Eigenschaft trifft unter anderem auf Wasserstoff zu. Deshalb können Gewebe, die viel Wasser enthalten, besonders gut dargestellt werden. Abkürzung: MRT.

Schlaganfall

Schlaganfall/Apoplexia cerebri/stroke

Bei einem Schlaganfall werden das Gehirn oder Teile davon zeitweilig nicht mehr richtig mit Blut versorgt. Dadurch kommt es zu einer Unterversorgung mit Sauerstoff und dem Energieträger Glukose. Häufigster Auslöser des Schlafanfalls ist eine Verengung der Arterien. Zu den häufigsten Symptomen zählen plötzliche Sehstörungen, Schwindel sowie Lähmungserscheinungen. Als Langzeitfolgen können verschiedene Arten von Gefühls– und Bewegungsstörungen auftreten. In Deutschland ging 2006 jeder dritte Todesfall auf einen Schlaganfall zurück.

Geschlechtsidentität im Gehirn widergespiegelt?

Einen anderen problematischen Jahreswechsel-​Knüller liefert eine Meldung auf sci​ence​.ORF​.at: „Auch Transsexualität spiegelt sich im Gehirn“. Bei Transsexuellen gehen Biologie und Geschlechtsidentität auseinander, heißt es zunächst. Und doch sei die Geschlechtsidentität im Körper nachweisbar „durch eine charakteristische Vernetzung von Hirnregionen“. Das habe eine Studie von Forschern der Medizinischen Universität Wien gezeigt. Die Wissenschaftler hatten mit einer besonderen Form der Magnetresonanztomografie sowohl transsexuelle Probanden, die sich im falschen Körper geboren fühlen, als auch weibliche und männliche Kontrollpersonen, die sich mit ihrem Geschlecht richtig fühlen, untersucht.

„Dabei fanden sich signifikante Unterschiede in der Mikrostruktur der Hirnverbindungen zwischen weiblichen und männlichen Probanden.“ Transsexuelle Versuchspersonen hätten eine Mittelstellung zwischen beiden Geschlechtern eingenommen. „Diese Ergebnisse legen nahe, dass sich die Geschlechtsidentität in der Struktur von Hirnnetzwerken widerspiegelt, welche sich im Laufe der Entwicklung des Nervensystems unter dem Einfluss von Geschlechtshormonen bilden“, wird einer der beteiligten Forscher zitiert.

Magnetresonanztomographie

Magnetresonanztomographie/-/magnetic resonance imaging

Ein bildgebendes Verfahren, das Mediziner zur Diagnose von Fehlbildungen in unterschiedlichen Geweben oder Organen des Körpers einsetzen. Die Methode wird umgangssprachlich auch Kernspin genannt. Sie beruht darauf, dass die Kerne mancher Atome einen Eigendrehimpuls besitzen, der im Magnetfeld seine Richtung ändern kann. Diese Eigenschaft trifft unter anderem auf Wasserstoff zu. Deshalb können Gewebe, die viel Wasser enthalten, besonders gut dargestellt werden. Abkürzung: MRT.

Durchschnittshirn versus individuelles Gehirn

Was der Hirnscanner bei solch einer Berichterstattung schmerzlich vermisst, ist ein kleiner aber durchaus entscheidender Hinweis: Wenn Forscher verschiedene Gruppen – wie hier Frauen, Männer und transsexuelle Menschen – miteinander vergleichen, erhalten sie statistische Gruppenunterschiede. Das „Durchschnittsgehirn“ von Heterosexuellen mag sich vom transsexuellen oder homosexuellen „Durchschnittsgehirn“ unterscheiden. Über einen einzelnen Menschen sagt das oft wenig aus.

Neuro-​Mythen entlarvt: eine Lektüre-​Empfehlung

Auf diesen Aspekt weist auch der Neurowissenschaftler Christian Jarrett hin. Er entlarvt in seinem neuen Buch „Great Myths of the Brain“ unter anderem den populären Mythos, dass das männliche und weibliche Gehirn anders vernetzt seien. Der Hirnscanner hat sich über die Weihnachtsfeiertage Jarretts Buch zu Gemüte geführt – und ist begeistert. Das Besondere an dem Buch: Der Neurowissenschaftler hat sich die Mühe gemacht und sich hunderte von Studien vorgeknöpft. Dabei räumt er auch mit weniger bekannten Mythen auf, etwa damit, dass psychische Krankheiten auf einem chemischen Ungleichgewicht basieren. Im Falle der Depression, so der Mythos, sei zu wenig Serotonin im synaptischen Spalt vorhanden. Vor allem in Ländern wie den USA haben Pharmafirmen mit dieser einfachen Botschaft Werbung bei den potentiellen Konsumenten von Psychopharmaka gemacht (Den schwarzen Hund zähmen). Es gebe keinen Zweifel daran, dass die Neurochemie eine wichtige Rolle bei Depression spielt, schreibt Jarrett. Aber in Wahrheit wisse niemand, was denn genau die richtige Menge an Serotonin und anderen Botenstoffen im Gehirn sei.

Einen kleinen Vorgeschmack auf das Buch lieferte Jarrett übrigens in der populärwissenschaftlichen US-​Zeitschrift Wired. Vielleicht riskiert ja auch der eine oder andere Journalist in Deutschland ein Blick in das Buch. Schaden kann es bestimmt nicht. Ganz im Gegenteil.

Serotonin

Serotonin/-/serotonin

Ein Neurotransmitter, der bei der Informationsübertragung zwischen Neuronen an deren Synapsen als Botenstoff dient. Er wird primär in den Raphé-​Kernen des Mesencephalons produziert und spielt eine maßgebliche Rolle bei Schlaf und Wachsamkeit, sowie der emotionalen Befindlichkeit.

Depression

Depression/-/depression

Phasenhaft auftretende psychische Erkrankung, deren Hauptsymptome die traurige Verstimmung sowie der Verlust von Freude, Antrieb und Interesse sind.

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